Apropos Glyphosat

Der deutsche Erzähler Wilhelm Raabe (1831-1910) stünde wohl auch heute aufseiten derer, die Gefallen an dem finden, was Mutter Natur an wilden Kräutern auf  Wiesen, Weiden, Feldern und im heimischen Garten gedeihen lässt. „Wie kahl und jämmerlich würde manches Stück Erde aussehen“, schrieb Raabe dereinst, „wenn kein Unkraut darauf wüchse.“ Den Herbaphilen (Unkrautfreunden, lat. „herba“ = Kraut, Gras) diametral gegenüber stehen jene, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den Beweis anzutreten, dass Unkraut entgegen der landläufigen Meinung vergehen kann. Dieser Kampf wird auch mit Hightechwaffen geführt.

Das Geschäft mit der Unkrautvernichtung

Wissenschaftler des Instituts für Biologische Produktionssysteme der Universität Hannover und des Laser Zentrums Hannover erproben derzeit im Labor einen futuristisch anmutenden Abwehrmechanismus: Mit Laserstrahlen, die automatisch Beete und Felder abtasten, wollen sie aufsprießendes Unkraut identifizieren und vernichten. Das Projekt stoße in der Industrie auf großes Interesse, heißt es, und auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft tue das Ihre dazu, dessen Fortschritt zu beflügeln. Bis sich das System jedoch in der Praxis bewähren kann, dürfte noch einige Zeit ins Land gehen. Solange die Idee Zukunftsmusik bleibt, wird im Kampf gegen das Unkraut weiterhin kräftig die chemische Keule geschwungen. [1]

Zu den weltweit am meisten eingesetzten chemischen Unkrautvernichtungsmitteln (Herbiziden) zählen glyphosathaltige Breitbandherbizide, die sich durch ihre unspezifische Wirkweise auszeichnen, was bedeutet, dass sie quasi alles vernichten, was grün und pflanzlich ist. Eingebunden in eine Formulierung, die eine Verteilung von der Wurzel bis zum Blatt erlaubt, entfaltet Glyphosat [N-(Phosphonomethyl)glycin] seine radikale Wirkung an zentraler Stelle im pflanzlichen Stoffwechsel; es bindet Mangan, ein für alle Lebewesen essenzielles Element, und stört auf diese Weise die Synthese des Enzyms 5-enolpyruvylshikimat-3-phosphat-Synthase (EPSPS). In der Folge werden der Pflanze überlebensnotwendige Stoffwechselprodukte, namentlich Aminosäuren, vorenthalten und sie stirbt.
Eingesetzt werden glyphosathaltige Herbizide unterschiedlichster Toxizität vor allem in der Landwirtschaft, etwa um Äcker vor der Neuaussaat zu säubern. Mit eindeutiger Tendenz: International prosperiert das Geschäft mit transgenen Nutzpflanzen wie Mais oder Soja. Der Eingriff ins Erbgut dieser Pflanzen hat oft den Hintergrund, sie widerstandsfähig gegen Glyphosat zu machen. Das heißt, der wachsende Anbau transgener Pflanzen geht, den Gedanken konsequent zu Ende gedacht, mit einem weiter zunehmenden Einsatz von Glyphosat einher.

Man braucht nicht in die große, weite Welt zu schauen, um das Ausmaß des Einsatzes des Herbizids zu ermessen. Glyphosat ist auch des Hobbygärtners bester Freund. Die Verfügbarkeit geeigneter Präparate (das namhafteste davon, Roundup von der US-Firma Monsanto, wird in 130 Ländern der Erde verkauft) ist sichergestellt: Man erhält sie in Gartencentern und Baumärkten, ebenso im Internet. Wer die Suchfunktion unter eBay nutzt und den Begriff „Glyphosat“ eingibt, dem öffnet sich eine lange Liste unterschiedlichster Angebote; hunderte Liter und Kanister diverser Glyphosatprodukte werden dort für kleines Geld feilgeboten.

Dem Geheimnis des Erfolgs von Glyphosat lag lange Zeit die Einschätzung zugrunde, das Herbizid sei unter anderem in ökologischer Hinsicht unbedenklich. Dieser Sachverhalt wird in letzter Zeit mehr und mehr in Zweifel gezogen. Neuere Studien wollen herausgefunden haben, dass Glyphosat Schäden im Agrarökosystem anrichte, und der mit dem Glyphosateinsatz verbundene Verlust an totgespritzten Wildkräutern habe eine reduzierte Artenvielfalt entlang der Nahrungskette zur Folge. Die biochemischen Eigenschaften des Glyphosats machten Pflanzen krankheitsanfälliger und reduzierten die Verfügbarkeit von Nährstoffen. Daraus wiederum folgten ein erhöhter Pestizideinsatz sowie eine vermehrte Düngung. Schließlich nehme auch der Einsatz von Herbiziden mittelfristig zu, da immer mehr Unkräuter Resistenzen gegen Glyphosat entwickelten und mit alternativen Spritzmitteln bekämpft, von Hand gejätet oder, in einer nicht absehbaren Zukunft, mittels Lasertechnologie abgetötet werden müssten [2]. Aus genannten Gründen sei eine Neubewertung des Glyphosats als Pflanzenschutzmittel dringend geboten, insbesondere auch im Hinblick auf den geplanten Anbau glyphosatresistenter genmanipulierter Pflanzen in Europa, fordern Umweltschützer.
Dem Hinweis auf eventuelle gesundheitliche Folgen für den Menschen hält das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) entgegen: „Für Glyphosat liegen – unter vorrangiger Berücksichtigung der richtlinienkonformen Studien an Ratten und Kaninchen – keine überzeugenden Hinweise auf entwicklungstoxische Wirkungen vor.“ [3]

 

Literatur

[1] Marx C., Pastrana Pérez J.C., Hustedt M., Barcikowski S., Haferkamp H., Rath T. "Selektive Unkrautbekämpfung mittels Lasertechnik." Julius-Kühn-Archiv 434 (1) (2012), 215-222.
[2] Riley, P., Cotter, J., Contiero, M., Watts, M., "Herbicide tolerance and GM crops: Why the world should be Ready to Round Up glyphosate." Greenpeace International. GRL-TN 03/2011, June 2011. Amsterdam
[3] "Fragen und Antworten zur gesundheitlichen Bewertung von Glyphosat", FAQ des BfR vom 11. November 2011
[4] Uwe Böhland, Birgit Schwarz, "Anreicherungsfreie LC-MS/MS-Spurenanalyse von Glyphosat und AMPA aus Wasser durch Direktinjektion der FMOC-Derivate“, Posterpräsentation Langenauer Wasserforum 2010
[5] International Organization for Standardization (ISO) Technical Committee ISO/TC 147, Water quality, Subcommittee SC2, Physical, chemical and biochemical methods: Determination of glyphosate and AMPA – Method by high performance liquid chromatography (HPLC) and fluorimetric detection