Professor Daldrup diskutiert mit einer Mitarbeiterin den Fall des „Cappuccino-Mörders“.

Forensische Toxikologie

Tödlicher Kaffeegenuß

„Der Cappuccino schmeckt aber faulig.“ Christa G. hatte nur einen Schluck genommen, schon verzog sie angewidert ihr Gesicht. Guido W., Leiter eines Galvanik-Betriebes im westfälischen Lüdenscheid, zeigte sich verwundert, war der Kaffee doch von ihm zubereitet und seiner Stellvertreterin serviert worden. Den Weg zur Toilette schaffte Christa G. gerade noch, dann brach sie nach Luft schnappend unter Krämpfen bewusstlos zusammen. Guido W. rief den Notarzt ...
Für die Ärzte im Krankenhaus in Lüdenscheid wiesen die Symptome auf eine akute Vergiftung hin, wie sie Jahr für Jahr schätzungsweise an die 200.000mal hierzulande ärztlich behandelt werden muss. Manchmal ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. In rund 5000 Fällen kommt leider jede Hilfe zu spät. Christa G. befand sich in Lebensgefahr. Im Nu waren Blut- und Urinproben von ihr auf dem Weg zum Institut für Rechtsmedizin der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. Die dortige forensische Toxikologie, eine Unterabteilung der Rechtsmedizin, ist spezialisiert auf den Nachweis von Giftstoffen in Körperflüssigkeiten. Professor Thomas Daldrup, Leiter der Toxikologie, nutzt dazu verschiedene Verfahren.

Erste Indizien für die Anwesenheit toxischer Stoffe wie Rückstände von Arzneimitteln, Drogen oder Giftstoffen liefern immunchemische Tests. Hat der Test ein solches Ergebnis, erhält der behandelnde Arzt in der Klinik bereits binnen kurzer Zeit einen ersten Anhaltspunkt für eine Vergiftung und somit wertvolle Hinweise für die Therapie des Patienten. Um detaillierte Aussagen über Art und Menge einer im Blut beziehungsweise im Urin enthaltenen verdächtigen Substanz machen zu können, müssen Toxikologen auf adäquate Trennverfahren wie die Gaschromatographie in Verbindung mit einer massenselektiven Detektion (GC/MS) zurückgreifen. Christa G. hatte weder Drogen noch Medikamente konsumiert. Das ergab die chemische Analyse. Jedoch fanden sich in Blut und Mageninhalt der 28-Jährigen erhebliche Mengen Cyanid, das mit der Magensäure zu dem Atem- und Nervengift Blausäure reagiert. Christa G. erlitt hierdurch einen irreversiblen Hirnschaden, an dem sie vier Tage später verstarb.
„Unnatürliche Todesursache.“ Der Wortlaut der finalen Diagnose, die Mediziner bei Christa G. vornahmen, rief Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Plan. Es galt herauszufinden, wie das tödliche Gift in den Körper der 28-Jährigen gelangen konnte. Zwar hantierte die Laborantin an ihrem Arbeitsplatz mit Cyanidsalzen; sie werden dort eingesetzt, um Metalloberflächen zu vergolden. Gegen einen Unfall oder gar einen Selbstmord sprach aber der Wirkmechanismus des Gifts: „Hätte Christa G. Cyanidsalze aus suizidalem Motiv eingenommen oder sie zufälligerweise verschluckt, hätte sie es zur morgendlichen Kaffeerunde gar nicht erst schaffen können“, gibt Professor Daldrup zu bedenken.

Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren. Alle denkbaren Szenarien wurden theoretisch durchgespielt und in alle Richtungen wurde recherchiert. Vier Monate nach dem Gifttod der jungen Frau meinte die Kriminalpolizei schließlich, im Cappuccino das Corpus Delicti ausfindig gemacht zu haben – und in Guido W., den Leiter des Galvanikbetriebs, jemanden des Mordes Verdächtigen. War es möglich, dass Christa G. das tödliche Gift mit dem Cappuccino in heimtückischer Weise verabreicht worden war? Professor Daldrup wurde beauftragt, eben diesen Sachverhalt unter die Lupe zu nehmen. Der Forensiker prüfte die Löslichkeit von Cyanidsalz in Cappuccino. Mit dem Ergebnis: „Der Verdächtige hätte dem Heißgetränk unbemerkt eine tödliche Menge des Gifts beimischen können, nicht einmal die Schaumkrone wäre dadurch verschwunden“, versichert der Wissenschaftler. Gegen Guido W. sprach zudem, dass er den Cappuccino, das einzige Beweismittel, unverzüglich entsorgt hatte; der Becher blieb unauffindbar. Schließlich stieß die Polizei auch auf ein mögliches Mordmotiv: Guido W. hatte im Betrieb Gold im Wert von umgerechnet rund 5000 Euro unterschlagen. Der Betriebsleiter hatte allen Grund anzunehmen, dass ihm seine Stellvertreterin Christa G. auf die Schliche gekommen war und ihn anzeigen wollte. Um das Delikt zu vertuschen, tötete Guido W. die 28-Jährige heimtückisch. Es kam zur Anklage vor dem Schwurgericht in Hagen. Guido W. beteuerte seine Unschuld, das Gericht aber sah ihn als des Mordes überführt an, sprach ihn auf Indizien basierend schuldig und verurteilte ihn zu lebenslanger Haft.